Ein Pumpspeicher­kraftwerk in den Walliser Alpen

Die Nant de Drance SA errichtet derzeit im Kanton Wallis zwischen Martigny (CH) und Chamonix (F) auf dem Gebiet der Gemeinde Finhaut ein Pumpspeicher­kraftwerk mit einer Turbinenleistung von 900 MW. Das Kraftwerk wird jährlich rund 2500 Mio. kWh Strom produzieren. Die Inbetriebnahme erfolgt schrittweise ab 2019.

Bedeutung für die Region

Die Bauzeit des Pumpspeicher­kraftwerks beträgt rund 10 Jahre. Während dieser Zeit entstehen in der Baubranche 400 zusätzliche Arbeitsplätze. Auch das Hotel- und Gastgewerbe sowie zahlreiche Lieferanten in der Region profitieren von dem Projekt.

Die Baustelle und der Betrieb des Pumpspeicher­kraftwerks generieren zusätzliche Steuereinnahmen – mit positiven Auswirkungen für die Region und insbesondere für die Gemeinde Finhaut. Langfristig betrachtet, werden für die Instandhaltung des Pumpspeicher­kraftwerks rund zehn Arbeitsplätze geschaffen.

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Projekt / Zeitplan

Am 25. August 2008 hat das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) die Konzession und die Baugenehmigung für das Pumpspeicherkraftwerk Nant de Drance mit einer Leistung von 600 MW erteilt.

Im April 2011 wurde eine Konzessionsänderung gutgeheissen und die Erhöhung der Leistung des Kraftwerks auf 900 MW bewilligt. Baubeginn war im September 2008. Als Bauzeit sind zehn Jahre angesetzt. Die Inbetriebnahme des Pumpspeicherkraftwerks soll schrittweise ab 2019 erfolgen.

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Ein einzigartiges Projekt

Mit seinen langen Stollen, seinen gigantischen Kavernen, seiner unterirdischen Einbettung, seiner Entfernung zum Tal, seinen zahlreichen Berufsgattungen lässt sich die Baustelle Nant de Drance kaum mit anderen Baustellen auf der Welt vergleichen. Die Verantwortlichen der Baustelle, die die verschiedenen Puzzleteile zur Übereinstimmung bringen müssen, sind ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert.

Ein ausserordentliches Projekt mit ungewöhnlichen Arbeiten. Der Bau eines Pumpspeicherwerkes in den Tiefen eines Berges zieht unweigerlich technische sowie auch logistische Probleme nach sich, die schnellstmöglich gelöst werden müssen.

Christoph Bucher des Planungsbüros AFC in Baden kann dies bezeugen, zumal er seit 2002, also von Anfang an, bei diesem Abenteuer dabei ist. Er war Projektleiter der Baustelle. „Wir sind bei null gestartet“, erinnert er sich. „Ich habe auf unserem Küchentisch zuhause begonnen mit den Kindern auf meinen Knien.“ Während des Vorprojekts arbeitete er mit Fotos, musste sich aber auch mit Arbeitskollegen vor Ort begeben. „Damals waren die Karten nicht genau und wir sind über französischen Boden zum Tal und zum See gelangt. Das war verrückt, aber interessant.“

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Hauptkaverne am 07.07.15

Stollen und Kavernen genau berechnen

Vom ersten Moment an traten die Schwierigkeiten, die mit einer Untertagbaustelle verbunden sind, in Erscheinung. „Übertag hat man Platz und Zubringerwege“, erklärt Christoph Bucher. „Im Projekt Nant de Drance mussten die Anzahl Zufahrtsstollen sowie deren Gefälle und Lichtraumprofil abgeschätzt werden, damit zwei Lastwagen sich kreuzen konnten. Auch die riesigen Kavernen mussten so dimensioniert werden, dass die Maschinen darin Platz fänden. Dabei mussten die geologischen Verhältnisse und die Rahmenbedingungen betreffend Umweltschutz berücksichtigt werden, sowie die Verwendung der zig tausend Tonnen Felsmaterial, das abgebaut und zutage gebracht würde.

Solche Fragen wurden mithilfe zahlreicher Ab- und Rücksprachen mit den in die Arbeiten involvierten Ingenieurunternehmungen geklärt, besonders in der Offertphase.

Die Aufgabe wurde angepackt. „2002 haben wir begonnen, 2008 hat uns die Gemeinde Finhaut die Baubewilligung erteilt, was ich nicht erwarte hätte“, erinnert sich Christophe Bucher gerührt.

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Definitives Bauprojekt

« Ist das Projekt einmal aus der Taufe gehoben, gilt es, Ausführungspläne zu erstellen », unterstreicht Nima Nilipour des Ingenieurbüros BG Ingénieurs Conseils in Lausanne und Projektverantwortlicher der Hauptkavernen (Maschinen- und Transformatorenkaverne). In dieser letzten Planungsphase „zeichnen wir möglichst detaillierte Pläne, denn sie stellen die Basis jeglicher Arbeiten dar“, erklärt Nima Nilipour. Zum jetzigen Zeitpunkt, da die Betonarbeiten begonnen haben, „befinden wir uns auf der Spitze der Planproduktion: Haben wir doch 120 Pläne in neunfacher Ausführung geliefert. Denn es braucht je 5 Exemplare pro Unternehmen, 2 für die örtliche Bauleitung und 2 für die Bauherrschafft. Das ist eine Menge Papier!“,  unterstreicht er.

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Lieferung eines Stahlteiles am 08.07.15

Die Logistik – eine Knacknuss

« Die grösste Herausforderung liegt in der Dimension der Baustelle », unterstreicht Christophe Bucher, der für die Leitung der Arbeiten in den beiden Hauptkavernen verantwortlich ist. „Weltweit gibt es nur wenige Kavernen dieser Grösse, auch mit bescheidenem Ausbau“, fügt Nima Nilipour an, der die Stabilität des Gewölbes mit 3D-Modellen berechnet hat.

Eine weitere Knacknuss stellt die zeitgleiche Präsenz vieler Akteure auf der Baustelle dar – Unternehmen, Lieferanten, Ingenieurbüros und Vertreter der Bauherrschaft. Das setzt logistische Kunststücke voraus, denn „es gilt, die Arbeiten der verschiedenen Berufsgruppen zu koordinieren und gleichzeitig die Ausführungspläne zu respektieren“, führt Christophe Bucher aus. Oft sind die Verantwortlichen gezwungen, wichtige Entscheide 6 Monate im Voraus zu treffen und allzeit bereit zu sein, schnell und überall zu reagieren.“

Zu diesen Schwierigkeiten gesellt sich die technische Komplexität des Projekts. Bei den Turbinen, die in Nant de Drance installiert werden, handelt es sich in der Tat um Prototypen. „Ähnliche Maschinen sind im Pumpspeicherwerk Linthal in Betrieb. So können wir von Erfahrungen profitieren“, meint Christophe Bucher.

Auch die geografische Lage der Baustelle vereinfacht das Ganze kaum. „Wir sind 6km untertag“, ruft der Ingenieur von AF Consult in Erinnerung. „Wehe man vergisst sein Werkzeug oder die Schutzbrille…“   

JBCOMM, Februar 2015

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Eine Baustelle mit mehr als einem Nutzen

Das Dorf Finhaut im Jahr 2014

Der Bau des Pumpspeicherwerks Nant de Drance ist ein Glückstreffer für Finhaut. Aber es hängt davon ab, auf welcher Seite der Staumauer man sich befindet. 

Die Gemeinde Finhaut wurde mit 7.5 Millionen CHF entschädigt im Zuge der Baubewilligung sowie als Kompensation für die Umtriebe durch die Baustelle. Pascal May bestätigt : « Für uns alle ist es ein rentables Geschäft. » Der Präsident von Finhaut relativiert seine Aussage. In Bergdörfern vertritt jeder seine eigene Meinung. « Für die einen ist etwas viel, für die anderen nie genug… »Positiver Punkt : Die Gemeinde konnte mit den Entschädigungen ihre Schulden begleichen, die Infrastruktur ausbauen und hängige Projekte vorantreiben.Während der Dauer der Konzession von 80 Jahren werden weitere Zahlungen erwartet.

Durch verschiedene Steuern (Grundstück-, Kapital-, Gewinn- und Betriebssteuer) werden wir schätzungsweise 2 Millionen CHF jährlich einnehmen, vorausgesetzt, dass Nant de Drance schwarze Zahlen schreibt », erklärt Pascal May.

Das menschliche Kapital betreffend stellt das Projekt ein ausserordentliches Abenteuer dar. « Die Region kann auf eine lange Vergangenheit mit der Wasserkraft zurückblicken: Staumauern Barberine (1925), Vieux Emosson (1955), Emosson (1975) sowie die Werke von Châtelard, Vallorcine, Vernayaz und Emosson.

Heute wie morgen wird Nant de Drance existieren mit all seinen Entwicklungsperspektiven, die der Bau und die Bewirtschaftung mit sich bringen.

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Pascal May, Gemeindepräsident von Finhaut (2014)

Unterschiedliche Begeisterung

Serge Vérolet, Besitzer des Hôtel Suisse, der Tankstelle inkl. Shop in Châtelard-Frontière, erkennt positive Auswirkungen auf seine Einnahmen, besonders den Treibstoff betreffend. Es lässt sich vermuten, dass er das grosse Los gezogen hat. « Der Bau der Staumauer war sehr lukrativ für die Region in den 70er Jahren. Ich habe auf mindestens 20% des Umsatzes der Emosson-Baustelle gehofft. » Emosson war eine Baustelle « herkömmlicher Art ». « Das internationale Projekt Nant de Drance ist viel komplexer aufgezogen – nach globalem Muster, oft in Kontrast zu den lokalen Gewohnheiten.

Daher rührt auch der Eindruck « eines Dorfes im Dorf » anstatt einer Baustelle im Dorfkern.

Die Wirtschaftskrise hat auch das Verhalten beeinflusst. « Heute schicken die Arbeiter ihren Lohn an die in der Heimat gebliebene Familie. Früher beteiligten sie sich aktiv am Gemeinschaftsleben der Region, indem sie mit und unter uns lebten. Wir spielten sogar zusammen Fussball », erinnert sich Serge Vérolet. « Für die Gemeinden erweist sich dies ja als positiv. Unsere politischen Vertreter haben sich gut ins Zeug gelegt – ihnen gebührt Dank », unterstreicht er. Auf der Seite der Privaten siehts etwas anders aus. Aber wir tragen auch Verantwortung dafür. Wir sind die Sache ungeschickt angegangen, wir hätten punkto Land geschickter verhandeln sollen. Das ist schade. Mit diesen grossen Baustellen sollte man vorsichtig sein. »

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Vieux-Emosson-Hütte

Eine Frage der Mentalität

In der Vieux Emosson-Hütte trauert Nicolas Vouilloz ebenfalls den 70er Jahren nach : « Durch meinen Vater habe ich auch die Baustelle Emosson gekannt. Das war etwas ganz anderes… Mit den Italienern wurde fiesta gefeiert. » Ein Mentalitätenwechsel in Nant de Drance. Viele verschiedene Nationalitäten, andere Zeiten, andere Bedürfnisse, andere, striktere Reglementierungen. Myriam Vouilloz staunt über die Art zu verhandeln. Anfänglich hat es an Strategie gemangelt. Es ist nicht der Tanz der Maschinen, der Myriam Vouilloz stört, sondern die entstandene Konkurrenz durch die Kantine weiter unten. Doch gibt es nicht nur die negative Seite. 2014 konnten die Vouilloz den Betrieb der Hütte nach der Winterpause früher als sonst aufnehmen. Myriam, Nicolas und Serge sind sich einig : « Würden sich gewisse Verantwortliche weniger als Lokalmatadoren aufführen, wäre es perfekt. »

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Bundes­rätin Doris Leuthard zu Besuch in Nant de Drance

Die Bundesrätin besucht die Baustelle in Begleitung von Eric Wuilloud, dem Vorsitzenden der Geschäftsleitung von Nant de Drance SA

Am 3. März 2014 wurde auf der Baustelle Nant de Drance gefeiert. Mit den Ausbruch­arbeiten für die Stollen und Kavernen ist eine wichtige Bauetappe abgeschlossen. Unter den geladenen Gästen war auch Bundesrätin Doris Leuthard.

Mit einem Festakt wurde am 3. März 2014 der Abschluss der Ausbrucharbeiten für das Kraftwerk Nant de Drance gefeiert. Vor den Augen der staunenden Gäste wurde die hinter einem schwarzen Vorhang verborgene Maschinenkaverne feierlich enthüllt. «In aussergewöhnlichen Tiefen, im Herzstück der Baustelle», wie es Eric Wuilloud, Direktor der Nant de Drance SA, ausdrückte, hatte sich eine illustre Gästeschar versammelt, darunter auch Bundesrätin Doris Leuthard, Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation.

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Nach dem Ende des Baustellen­besuchs in der Maschinen­kaverne: die Bundesrätin mit Bernhard Brodbeck, Geschäfts­leitungsmitglied IWB, de Paul Michellod, CEO FMV SA, de Jasmin Staiblin CEO Alpiq et de Michael Wider, Verwaltungsrats­präsidenten von Nant de Drance SA (von links nach rechts).

Eine Kaverne, fast so hoch wie das Bundes­haus

Gut fünf Jahre nach Aufnahme der Bauarbeiten, die am 30. Juni 2009 an der Staumauer Emosson begannen, sind die Maschinenkaverne und die Stollen nun vollständig ausgebrochen. «Ein eindrückliches Labyrinth», meint Eric Wuilloud. Die Dimensionen der Kaverne sind in der Tat überwältigend. «Sie ist fast so hoch wie das Bundeshaus», sagte Michael Wider, Verwaltungsratspräsident der Nant de Drance SA in seiner Ansprache, und verdeutlichte die Grössenverhältnisse mit einem an die Wand projizierten Foto des Bundeshauses.

Zur Feier des Tages wurden die Baumaschinen aus der Kaverne entfernt und die vorhandene Plattform mit Teppichen, einem Podium für die Musiker und Festredner, mit schwarz eingedeckten Tischen und bunten Tulpensträussen zu einem feierlichen Empfangssaal umfunktioniert.

Denn schliesslich ist auf der Baustelle nicht jeden Tag eine Bundesrätin zu Gast. Und auch die anderen hochrangigen Vertreter von Bund, Kanton und Gemeinden sowie die Aktionäre, Lieferanten, Partnerunternehmen und Journalisten galt es gebührend zu empfangen.

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Pionierarbeit

Mit dem Eintreffen von Bundesrätin Doris Leuthard gingen die Gäste vom Kaffee zum nächsten Programmpunkt über: den Ansprachen. Alle Redner schlugen begeisterte Töne an. Doris Leuthard brachte «grössten Respekt für diese gewaltige Leistung» zum Ausdruck und zeigte sich fasziniert von der riesigen Baustelle: «Schon immer waren es Pioniere, die die Schweiz vorangebracht haben. Nant de Drance zeigt, dass das heute noch möglich ist», so die Bundesrätin.

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Schwierige Zeiten für Stromproduzenten

Die Stromproduzenten sehen sich zurzeit jedoch einer schwierigen Situation gegenüber. Michael Wider sagte zwar, er sei stolz, als Vertreter von Alpiq, einer der Aktionärinnen des Pumpspeicherkraftwerks, am Projekt beteiligt zu sein. Doch die Rahmenbedingungen in der Schweiz und in Europa seien noch nicht so weit gediehen, dass der wirtschaftliche Nutzen des Bauwerks voll zum Tragen komme. Das bestätigte der Walliser Staatsrat Jean-Michel Cina, Vorsteher des Departements für Volkswirtschaft, Energie und Raumentwicklung: «Die Betreiber von Wasserkraftwerken bewegen sich zurzeit in einem schwierigen Umfeld.» Auch Doris Leuthard ist sich der Schwierigkeiten bewusst, ist aber überzeugt: «Wasserkraft und Speicherkraft haben Zukunft. Langfristig braucht es in Europa Speichermöglichkeiten und Regelreserven für die wachsende volatile Produktion an erneuerbarer Energie.» In dieser Situation könne sich Nant de Drance «als ein vielseitiges und modernes Werkzeug etablieren», so Leuthard.

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Auf Zugang zum europäischen Strommarkt angewiesen

In den unterirdischen Galerien unterhält sich die Bundesrätin mit Michael Wider, dem Verwaltungsratspräsidenten von Nant de Drance SA.

Im Stromsektor stehen die Beziehungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union zurzeit im Zentrum der Aufmerksamkeit. «Der Schweizer Markt ist, soweit überhaupt vorhanden, nicht gross genug, um das Pumpspeicherkraftwerk rentabel zu betreiben», betont Michael Wider.

Rein technisch könne die Schweiz auch ohne Stromabkommen weitermachen, erklärte Doris Leuthard, allerdings zu einem hohen Preis: «Eine Teilnahme der Schweiz am europäischen Energiemarkt, an Handel, Abgeltung der Netznutzung etc. wäre auf einer Ad-hoc-Basis nicht mehr möglich. Der Zugang zum europäischen Markt ist für die Schweiz unerlässlich und muss zu akzeptablen Konditionen gewährleistet sein. Dazu gehört aber auch die vollständige Marktöffnung innerhalb der Schweiz.»

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Arbeiten unter erschwerten Bedingungen

Mit dem Ausbruch der Maschinenkaverne sei schon viel Arbeit geleistet worden, doch sei jetzt erst Halbzeit, schloss Leuthard ihre Ansprache. Bis das Pumpspeicherkraftwerk in Betrieb genommen werden kann, ist in der Tat noch viel zu tun. Auf der Baustelle, laut Eric Wuilloud eine der «grössten und wichtigsten der Schweiz», geht die Arbeit also weiter. Doch an diesem Festtag stand vorerst das Geniessen im Vordergrund und die Gäste wurden tief im Fels mit Raclette und Musik verwöhnt.

JB COMM/ 03.03.14

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