Die Menschen

Hier die Menschen, die auf die eine oder andere Weise am Projekt Nant de Drance mitarbeiten.

Eine berufliche Gelegenheit vor der eigenen Haustüre

September 2013: Waschküche auf der Baustelle

Marie-Laure Hamon, Christophe Lugon und Stéphane Claivaz arbeiten alle drei auf der Baustelle Nant de Drance. Berichte von Mitarbeitern, angetroffen in der Kantine von Le Châtelard, Begegnungsort der Grossbaustelle 

Marie-Laure Hamon: aus der Bretagne in die Berge, aus Chamonix nach Le Châtelard, vom Tea-Room zur Raumpflege.

Marie-Laure Hamon, geboren 1963, stammt aus der Bretagne. Sie hat am 1. September 2009 auf der Baustelle Nant de Drance ihre Arbeit als Verantwortliche für die Raumpflege aufgenommen. Mit Judith Spiess als Vorgesetzte steht sie dem Reinigungspersonal der Arbeiterunterkünfte, Change House genannt, vor, welches die Räumlichkeiten, sanitären Anlagen und Büros reinigt, inkl. diejenigen im Tunnel und vor dem Portal. Marie-Laure Hamon schätzt die kulturelle Vielfalt auf der Baustelle sowie die Tatsache, dass sich die Probleme unkompliziert lösen lassen. „Wir sind zusammengeschweisst, wir verfolgen dasselbe Ziel.“

Anekdoten, die Bände sprechen

Im Zuge des Fortschreitens der Arbeiten auf der Baustelle und des Weggangs der Arbeiter zu anderen Baustellen wird die Equipe der Raumpflegerinnen verkleinert. « Wir waren mal ein Dutzend. Heute sind wir die Hälfte, aber noch immer schön „gemischt“. So habe ich eine Frau aus Finhaut, eine andere aus Vallorcine, zwei Portugiesinnen, eine Senegalesin und eine Russin aus Martigny im Team. » Dieser Nationenmix bereichert Marie-Laure Hamons Arbeit.

Auf die Frage, ob sie sich an gewisse Personen erinnere, erwähnt sie Leonardo, einen italienischen Arbeiter. „Er wollte sich in seinem Zimmer einen italienischen Caffè kochen. Anscheinend bekundete er beim Zudrehen seiner Kaffeemaschine Mühe. Plötzlich ertönte ein seltsames Geräusch. Beim Öffnen seiner Zimmertür sahen wir überall Kaffee! Das Lustigste aber war Leonardos Gesichtsausdruck. Ja, wir haben noch lange darüber gelacht.“

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September 2013: Abtransport des Ausbruchsmaterials aus der Maschinenkaverne

Christophe Lugon: der Fignolin und die guten Kerle

Christophe Lugon, geboren 1968, hat 1999 das Transportunternehmen seines Vaters übernommen. Zehn Jahre später kommt der aus Finhaut stammende Unternehmer der Anfrage der Nant de Drance SA nach und hat seither täglich rund 700 Tonnen Kies zur Betonfabrikation für die Baustelle befördert und bereitgestellt.

„Weil ich vor Ort bin, wurde ich auch arg gefordert, um kurzfristige Aufträge auszuführen, wie z.B. die Schneeräumung im Winter.“

Was sein Arbeitsvolumen betrifft, ist sich Christophe Lugon bewusst, dass es abnehmen wird. Vorübergehend profitiert er vollauf von dieser einmaligen wirtschaftlichen Gelegenheit vor seiner Haustüre. Er fügt an, dass er ein schönes Wochenende mit Pascal Montavon verbracht habe. „Das ist ein Baumaschinenmechaniker, der seine Werkstatt auf dem Bauplatz Collecteur Ouest hatte. Jetzt ist er nach Genf versetzt worden, kommt jedoch regelmässig hierher zurück. Er ist ein guter Kerl.“

Er ist nicht der einzige „nette Kerl“, mit dem Christophe Lugon Freundschaft geschlossen hat. Da ist auch Christian Gatti, der Platzchef aus Le Châtelard, ein Unterwalliser aus Massongex, der während der Woche in Finhaut wohnt, um nicht täglich pendeln zu müssen.

Obwohl der Unternehmer aus Finhaut überglücklich ist, an einem Grossprojekt wie Nant de Drance mitzuwirken, könnte er sich jedoch nicht vorstellen, seine Heimat zu verlassen und zu einer nächsten Grossbaustelle weiterzuziehen. „Ach nein, ich bleibe hier, bis ich in Rente gehe“, meint er entschieden,  „da gefällts mir zu gut. “

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Februar 2016: Schneeräumungsarbeiten in Le Châtelard

Stéphane Claivaz: der Werkleiter ohne Werk aus Salvan

Stéphane Claivaz, der 1973 in le Trétien geboren wurde, liess sich 2002 mit seiner Familie in Salvan nieder. 1997 nimmt er seine Arbeit im Elektrizitätswerk der SBB in Le Châtelard auf. Die SBB sind Teilhaber der Nant de Drance und so wurde Stéphane Claivaz ab Mitte 2009 „Delegierter“ seines Unternehmens auf der Grossbaustelle. Er ist dabei vor Ort verantwortlich für Unterhalt und Betrieb.

„Bis 2018, dem Jahr der voraussichtlichen Inbetriebnahme, bin ich Werkleiter eines Werkes ohne Werk“, bemerkt er belustigt. „Es ist eine grosse Chance für mich, schon beim Bau eines Kraftwerkes dieser Dimension dabei zu sein, bevor wir es in Betrieb nehmen.“

Eine Frage der Nähe

In der Tat werden die SBB das Pumpspeicherwerk Nant de Drance betreiben und den Betriebsunterhalt sicherstellen. Die Vorbereitung zur Übergabe der Aufgaben hat mit 10 Berufsleuten, für die Stéphane Claivaz verantwortlich ist, schon begonnen.

„Momentan zeigt sich eine Verlagerung von den Baumeisterarbeiten zu denen, die sich mit Wasserkraft befassen. Ende 2016 werden schon Installationen unter Spannung gesetzt. Wir werden einzelne Druckleitungen in Betrieb nehmen.“ Stéphane Claivaz` Team wird die Belegschaft des Werkes von Le Châtelard ergänzen. Es gilt dabei, Synergien eines Kraftwerkes und der Nant de Drance zu nutzen. Die meisten dieser Mitarbeiter werden aus der Region stammen und dies aus folgendem Grund: Es ist notwendig in der Nähe des Elektrizitätswerkes zu wohnen, um bei Problemen rasch vor Ort zu sein.

„Ich bin stolz darauf, zu diesem Projekt beizutragen“, meint er überzeugt. Nach 5 Jahren auf der Baustelle fühle ich mich mitverantwortlich. Meiner Gattin zufolge bin ich es sogar manchmal allzu sehr.“ Wie dem auch sei, Stéphane Claivaz freut sich auf die kommenden Herausforderungen.

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Eine unerwartete berufliche Chance

Mai 2015: Arbeiten in der Maschinenkaverne

Unmittelbar nach Abschluss seines Bauingenieurstudiums an der ETH in Lausanne wurde Raphaël Coquoz von einem Sittener Ingenieurbüro angestellt. Als Sahnehäubchen sah sein Arbeitsvertrag zwei Jahre Mitarbeit bei der örtlichen Bauleitung auf der Baustelle Nant de Drance vor. Kurz vor Abschluss seiner Tätigkeit auf der Baustelle des Pumpspeicherwerkes blickt der junge Walliser aus Salvan auf diese berufliche Bereicherung zurück.

„ Im Juli 2013 schloss ich meine Ausbildung an der ETH in Lausanne ab und beabsichtigte eigentlich eine Doktorarbeit anzuhängen. Im Anschluss an ein Praktikum, das ich während meines Studiums in einem Sittener Ingenieurbüro absolviert hatte, wurde mir eine zweijährige Anstellung auf dem Projekt Nant de Drance angeboten. Ich habe keinen Augenblick gezögert und zugeschlagen“, bezeugt Raphaël Coquoz begeistert. Vom 18. November 2013 bis Ende 2015 ist der junge Bauingenieur bei der  örtlichen Bauleitung (öBL) im Einsatz.

Mit einem solchen Projekt ins Berufsleben einzusteigen, stellt eine echte Chance dar. „Neben den NEAT-Baustellen Lötschberg und Gotthard oder dem Pumpspeicherwerk Linth-Limmern gibt es kaum Baustellen solchen Ausmasses in der Schweiz.“

Zu jeder Zeit vor Ort

Wie wird eigentlich ein junger Berufsmann frisch ab Ausbildungsstätte von den erfahrenen Berufsleuten aufgenommen? „Ich verstehe mich mit allen sehr gut. Ich schaue nicht auf sie herab, versuche die mit ihren Aufträgen einhergehenden Rahmenbedingungen zu berücksichtigen und zögere nicht – falls nötig – mit anzupacken. So schätzen sie meinen Einsatz. Ich versuche, so oft als möglich vor Ort zu sein, auch bei schlechtem Wetter. Würde ich dies nur bei Sonnenschein tun, zweifelten sie womöglich an meinem Interesse für ihre Tätigkeit.“

Der Ingenieur gesteht, im Umgang mit diesen Leuten aus dem Untertag viel gelernt zu haben. „Sie sind mir punkto Wissensstand überlegen und stellen konkrete Anforderungen, denen ich mich schnellstmöglich stellen muss. 

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Juli 2015 Vieux Emosson: Arbeiten für die Ein- und Auslaufbauwerke

Einen handfesten Einstieg ins Berufsleben

Raphaël Coquoz sieht sich als Glückspilz. Er ist kaum mit Problemen konfrontiert. „Ich war mit der Überwachung der Injektionsarbeiten in den Vertikalschächten beauftragt. Im Gegensatz zur Ausbruchphase, in der man in unbekanntes Gestein vordringt, gibt es von der Geologie her keine bösen Überraschungen. Anschliessend habe ich Betonarbeiten beaufsichtigt. Auch da sind die verschiedenen Schritte eindeutiger. Es gilt vielleicht, den Armierungsplan anzupassen. Dies steht in keinem Vergleich zum Risiko, plötzlich auf eine Karstkluft zu stossen. Bei der Arbeit im Kalkgestein stellt dies ein hohes Risiko dar. Dies war u.a. der Fall beim Ausbruch des Zugangsstollens zum Rückhaltebecken des Vieux Emosson Sees. »

Die Tätigkeit des Bauingenieurs ist vielseitig und facettenreich. Deren eine besteht darin, die Bauunternehmung GMI, die mit den Baumeisterarbeiten betraut ist, darin zu überwachen, dass deren Mitarbeiter die Vorgaben einhalten, sei es bezüglich Qualität der Arbeit, Einhalten der Termine sowie des Budgets.

Andererseits obliegt Raphaël Coquoz und seinen Arbeitskollegen der örtlichen Bauleitung das Koordinieren und Abstimmen der Arbeiten der verschiedenen beteiligten Unternehmungen vor Ort.

Anfang Oktober 2015 ist die Bauleitung damit beschäftigt, den Verlauf der durch die GMI und Andritz ausgeführten Arbeiten im Zuge der Montage der Panzerrohre zu koordinieren.

Das Koordinieren der verschiedenen Einsätze stellt einen Hochseilakt dar. „AF Consult ist mit der Grobplanung beauftragt. Die örtliche Bauleitung ist für die Detailplanung zuständig. So entscheide ich z.B. nicht darüber, ob die 4. Turbine vor der 3. montiert wird. Vielmehr spreche ich mit der Unternehmung GMI ab, welche Mauer als erste betoniert werden muss. Ich bin dafür zuständig, die verschiedenen Einsätze zu koordinieren und gleichzeitig den durch den Vertrag gesteckten Rahmen einzuhalten. Man muss regelmässig kleine Zusatzarbeiten planen, wie z.B. den Bau einer Zufahrtsstrasse zu Baustelle“, erklärt Raphaël Coquoz.

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Juli 2015 Vieux Emosson: Arbeiten für die Ein- und Auslaufbauwerke

Anderer Ort – andere Ausrichtung

Nach zwei Jahren bei den Bauarbeiten der Vertikalschächte in Le Châtelard möchte der junge Bauingenieur aus Salvan in die Talebene zurückkehren. Auch wenn er die grossen Freiräume bei seiner Arbeit in Nant de Drance geschätzt hat, freut er sich nun darauf, beim Sittener Ingenieurbüro, wo er noch immer angestellt ist, Berechnungen, Projektierungen und Planungen auszuführen. „Gerne würde ich eines Tages auf ein Projekt wie die Nant de Drance zurückkehren. Jedoch kann ich mir nicht vorstellen, für eine solche Erfahrung mehrere Jahre im Ausland zu verbringen, wie es einige meiner Kollegen tun. Ich bin hier im Wallis verwurzelt.“

Während seines Einsatzes in den Höhen der Gemeinde Finhaut hat Raphaël Coquoz sich nie gegen die langen Arbeitszeiten gesträubt, die die Baustelle erfordert. „Wenns nötig ist, Überstunden zu leisten, dann tue ich das gerne.“

Auf dem Weg zurück in ein geordneteres Leben denkt der Walliser ebenfalls daran, an einem anderen Projekt zu bauen: am Familienleben. Seine Gattin ist Umweltingenieurin und arbeitet für den Staat Wallis. „Für sie war es schwieriger, eine Anstellung zu finden, während ich dagegen auf meinem Gebiet verschiedene Optionen habe“, meint er.

Das ist mit ein Grund, weshalb der junge Ingenieur den Eintritt ins Berufsleben einer Doktorarbeit vorgezogen hat. Vorübergehend wenigstens. Mit seinen knapp 30Jahren weist Raphaël Coquoz für einen Bauingenieur einen beachtenswerten Lebenslauf auf.

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Nant de Drance – eine kleine, eigene Welt

Staumauererhöhnung Vieux Emosson (Mai 2014)

Sie stammen aus der Schweiz, aus allen Winkeln Europas oder der ganzen Welt. Ungefähr 20 Nationalitäten leben auf der Baustelle Nant de Drance zusammen. Der Kultur – und Sprachenmix stellt für die Arbeitenden im düsteren Alltag untertag einen besonderen Lichtschimmer dar.

«Wiä gat’s? Du bisch immer da?» «Morgä. Am Samschtig cha-n-i uf Brig gaa. Ich schaffä nöd. Ade.» Die Unterhaltung unter den Nant de Drance-Mitarbeitern erfolgt in den verschiedensten Dialekten und Sprachen. Paul Heinzmann, Verantwortlicher für den Einkauf GMI und Besucherführer des Tages bestätigt: « Es hat viele Slowaken hier. » Die Österreicher, die Deutschen, die Italiener, die Portugiesen, die Franzosen und die Schweizer sind zahlreich vertreten. Einige kommen sogar aus Afghanistan oder Paraguay.

Im Herbst zählte die Walliser Baustelle etwas mehr als 400 Personen aus 17 Nationen. Ein Drittel arbeitete im Vortrieb, ein weiterer Drittel in der Logistik und der letzte Drittel im Betonbau für die Staumauer und die Triebwasserwege. Im Tunnel wird am häufigsten Italienisch und Deutsch gesprochen. Ein sprachliches Patchwork gilt für den Rest der Baustelle.

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Baustellenkantine (2013)

Männer und Frauen – eine Motivation

In Nant de Drance ist die Motivation auf jeder Stufe frappant. Inbegriffen die Flure der 6 Gebäude mit den 460 Zimmern mit Dusche, WC und Gemeinschaftsraum für alle Bewohner der Etage. Marie-Louise Hamon verspürt Wertschätzung für die Übernahme der Verantwortung für den Unterhalt der Wohnungen, des Change House und der Büros.

Keine Selbstverständlichkeit, sich als Frau in dieser Männerwelt zu bewegen. Aber ihre Bedenken überdauerten nicht lange. « Unsere Männer sind nett », beteuert sie ohne Zögern. « Sie respektieren unsere Arbeit. Weil die ihre hart ist, bemühen wir uns darum, ihr Leben auf der Baustelle so angenehm wie möglich zu machen. Wir passen uns ihren Arbeitszeiten an, um sie nicht zu stören. »

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Containerblock als Arbeiterdorf

Solidarität – eine universelle Sprache

Vom Tunnelbauer, über die Kommunikationsbeauftragen, über die Küchenhilfe zum Vorarbeiter, jede(r) leistet seinen Beitrag zur Realisierung des Pumpspeicherwerks. « Jeder hat eine konkrete Aufgabe. Man führt sie aus. So ist es. Das ist alles. Und wenn einer von uns etwas auf dem Herzen hat, unterstützen wir einander. » Diese Erklärungen erfolgen ohne unnötige Ausschmückungen. Die Leute vom Untertag zeigen sich eher wortkarg, wenn es darum geht, über ihre Gefühle Auskunft zu geben. Über ihren Beruf sprechen sie lieber. Egal aus welchem Land sie stammen, immer glänzen ihre Augen vor Stolz, immer beweisen ihre Gesten Solidarität. Manche kennen sich schon von der Arbeit auf ähnlichen Baustellen und grüssen sich nur mit einem Kopfnicken. Vielleicht steckt darin das Geheimnis ihres Zusammenlebens : sie beherrschen die universelle Sprache der Erbauer der Zukunft.

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Während des Winters, bevor die Teams Nant de Drance wieder auf der Baustelle die Arbeit wieder aufnehmen, sichern die Bergführer die gefährlichen Orte, wie hier über der Staumauer von Vieux-Emosson.

Die Schutz­engel der Bau­stelle

Sieben Walliser Bergführer sorgen dafür, dass die Bauarbeiter in Nant de Drance vor Lawinen geschützt sind. Von März bis Mai behalten sie die Launen der Natur unablässig im Auge. Samuel Lugon-Moulin koordiniert den Bergführereinsatz.

Letzten Winter lag schon am 21. November 2013 Schnee bis ins Tal. Auf der Baustelle Nant de Drance kehrte eine gewisse Winterruhe ein. Für die Bergführer aber, die für die Sicherheit der Bauarbeiter in den lawinengefährdeten Bereichen verantwortlich sind, begann wenige Wochen nach dem Jahreswechsel die Hauptsaison.

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Die Bergführer, die für die Sicherheit der Arbeiter Nant de Drance zuständig sind, führen mehrere wichtige Operationen aus, um das Lawinenrisiko zu beurteilen. An den Hängen oberhalb der Wasserfassung von Emosson, testet Bergführer Xavier Fournier die Schneedeckenstabilität, nachdem er ein stratigraphisches Profil erstellt hat.

Immer auf Pikett

«Mitte Februar begannen wir mit der Überwachung der Baustellenzufahrt. Von März bis Mai waren wir dann jeden Tag von den frühen Morgenstunden bis spät in die Nacht in Bereitschaft. Ein Bergführer war immer auf der Baustelle anwesend. Zwei beobachteten den Zustand der Schneedecke an den Lawinenhängen und führten wenn nötig Lawinensprengungen durch», erzählt Samuel Lugon-Moulin. Der Walliser aus Finhaut ist seit zwanzig Jahren als Bergführer im Einsatz. Er koordiniert ein eingeschworenes Team von erfahrenen einheimischen Bergführern. «Damit man mit dem Druck dieser Aufgabe umgehen kann, muss man sich jederzeit vollkommen auf seine Kollegen verlassen können. In dem Bereich, den wir sichern, tragen wir immerhin die Verantwortung für 80 Menschenleben.»

Neben Samuel Lugon-Moulin gehören Marc Volorio, Raoul Crettenand und Xavier Fournier zum Kernteam. Drei weitere Bergführer, Pierre Darbellay, Stéphane Hottinger und Patrice Exquis, ergänzen das Team bei Bedarf. Die Bergführer verhindern, dass Lawinen niedergehen. Sie überwachen «nicht nur die Verkehrswege und Wohngebiete, sondern ganze Berghänge». Ausserdem zeigen sie den Bauarbeitern, wie sie im Notfall mit Lawinensuchgeräten, Sonden und Schaufeln nach Verschütteten suchen können.

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Abenteuerlust gehört auch dazu

Obwohl es für den Vater von drei Buben nicht immer einfach ist, Beruf und Familie zu vereinen, hat Samuel Lugon-Moulin keine Sekunde gezögert, als er angefragt wurde, ob er das Bergführerteam zum Schutz von Nant de Drance koordinieren wolle. «Man hat mich bereits zu Beginn der Arbeiten im Jahr 2008 kontaktiert. Die Grösse und die Bedeutung des Projekts waren eine besondere Motivation für mich. Es ist eine enorme Herausforderung. Und das praktisch vor meiner Haustüre.» Den Walliser reizte vor allem das Abenteuer, aber auch die Kameradschaft und die Solidarität, die zu so einem Projekt dazugehören. Zwar arbeitet er hauptsächlich mit den Bauleitern der Arbeitsgemeinschaft GMI1 zusammen, doch er hat auch mit den Bauarbeitern zu tun und fühlt sich ihnen verbunden. «Ich denke, dass viele von ihnen ebenfalls die Herausforderung suchen. Sie arbeiten hart, erleben aber auch eine intensive Zeit. Genau wie wir.»

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Der Koordinator der Walliser Bergführer, Lugon Samuel Moulin, bereitet in einem felsigen Bereich oberhalb einer Wasserfassung des Lac d’Emosson eine Sprengung von Schneebrettern vor.

Schnee im Überfluss

In den besonders strengen Wintern 2011 und 2012 waren viele Lawinenspreng­einsätze mit dem Helikopter oder auf Ski nötig. «Alle 10–15 Tage musste die Baustelle geschlossen werden», erinnert sich der Teamleiter. «Für die Arbeiter sind solche Unterbrüche schwierig. Wir bremsen sie damit aus. Nicht selten haben sie drei Tage lang eine Schalung erstellt und dann, gerade wenn sie mit dem Betonieren beginnen könnten, unterbrechen wir die Arbeiten. Aber sie haben unsere Entscheidungen nie in Frage gestellt und sich immer genau an unsere Anweisungen gehalten.»

Auch im Frühling 2013 spielte das Wetter nicht ganz mit. Das Tauwetter wollte einfach nicht kommen. Der Einsatz der Bergführer dauerte plötzlich bis Juni. Der Bergfrühling auf 2000 Metern Höhe ist nicht vergleichbar mit den warmen Frühlingstagen im Tal. «Die Gegend bei Emosson gehört zu den schneereichsten Regionen des Wallis», so Samuel Lugon-Moulin. «Mit dem Anstieg der Temperaturen verliert die Schneedecke im Frühling an Stabilität und es kommt nach den Staublawinen im Winter vermehrt zu Nassschneelawinen. Bis jetzt hatten wir aber zum Glück keine grossen Ereignisse, sondern nur kleinere Probleme.»

Die Arbeit der Bergführer ist für das erfolgreiche Vorankommen der Bauarbeiten für Nant de Drance unabdingbar. Gleichzeitig entsteht durch die täglichen Temperatur-, Luftfeuchtigkeits- und Windmessungen der Bergführer eine nützliche Sammlung von Wetterdaten. «Für das Gebiet La Forclaz gibt es weit zurückreichende Lawinendaten, aber für Emosson hatten wir das bisher nicht. Wir sind nun dabei, eine Dokumentation zu erarbeiten, die uns in Zukunft nützlich sein kann. So können wir Risikosituationen mit ähnlichen früheren Verläufen vergleichen», erklärt Lugon-Moulin den Nutzen einer solchen Datenbank.

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Vier Risikobereiche

Die Bergführer, die in Nant de Drance im Einsatz sind, müssen dafür sorgen, dass die Bauarbeiter so lange wie möglich auf der Baustelle arbeiten können und ihre Sicherheit gewährleistet ist. Sie überwachen vier Abschnitte:

  • Die Zufahrtstrasse bei Finhaut am Südhang des Bel-Oiseau
  • Der Zugang zur Zuleitung West im nördlichen Couloir des Perrons-Trichters
  • Das Lager bei der Zuleitung West, das unter einem steilen Hang liegt
  • Die Wasserfassung am Stausee Emosson ist die kritischste Stelle, denn sie liegt unter einem ausgesetzten Hang, der sich bei Westwindlage sehr schnell erwärmt.

JB COMM/ 21.11.13

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